zur Seite stoßen | ein verletztes Gedicht

nach dem Tod merken die Menschen schnell

dass dem Körper plötzlich alles fehlt

der leere Körper entfremdet

die Fremdsprache des entlasteten Gesichts

es kracht nicht mehr

es spricht nicht mehr

in vertrauten Tonarten

Höhen und Tiefen

der Körper lässt alles an sich zurück

meine Mutter schwimmt durch den dreckigsten Fluss nach Hause

was fällt dir ein, Kind

der Schmerz haftet an den Gesichtszügen

die zurechtgestutzte Fratze

man kann nur soviel tun

der Mensch lebt nicht mehr

das Innere ist verschwunden

steht hinter mir und ich weiß es nicht

verwandt, abgetrennt, starrend, hartkalt

meine Mutter schwimmt durch den dreckigsten Fluss nach Hause

was fällt dir ein, Kind

die Stille halte ich plötzlich nicht aus

so hat er nicht gelebt

und doch

will er seine Ruhe jetzt

es kracht in meinem Brustkorb

sie küsst ihn

und es kracht

die Knochen hat er noch

sind noch da

gehören uns

die Stimme ist weg

was will ich mit Knochen

meinen Bruder will ich wiederhaben

er ist gebrochen

sie haben ihn hingelegt

als gäbe es ihn noch

nicht in Stücken

hier gehört mein Bruder nicht hin

so kann ich ihn doch nicht mitnehmen

er bewegt sich nicht

das weiß jemand auch

darum geht es doch schließlich

mit einem Sprung halte ich ihn in mir fest

und zugleich lasse ich ihn ziehen

meine Mutter schwimmt durch den dreckigsten Fluss nach Hause

was fällt dir ein, Kind

“Madeleine dans le désert” by Jean-Jacques Henner (1829–1905)

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