Edith & Egon Schiele: Wir wurden niemals alt

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Ich schaute in die trostlos-lebendigen Augen der Halbfrauen

Die du zeichnetest. Auch ich habe mich, heimlich, in ihre

Abbildungen verliebt, der Gedankengang ihres Verfassers, der Begleiter

Ihrer Bewegungen. Die Hände, die Eigenen, schleppt sie wie Handschuhe,

Sprösslinge. In ihre eigene Figur ist sie noch nicht hineingewachsen.

Die Brüste tragen sie, umweben sie mit Klebstoff und einladendem Staub,

Gefärbt und  abgefärbt von Frauenwahrheiten und Männerscheinwelten.

 

Sie ist so traurig und sehnsüchtig dass sie ihren Kopf alleine hält,

Zur Seite gelehnt, als hielte sie eine Wand, fest, umarmt und umgeklammert,

Das Gegaffe umzingelnd, die unausgesprochenen Träume der Geschlechter.

Du hast in solch einer Welt gelebt, Egon, ich mit dir, hast mich teilhaben lassen.

Wir sind einander verfallen, ich trug deines in mir, wollte dich und mich, die Liebe

Fortpflanzen, der Realität entströmen, umordnen was nur ging, eintauchen in das

Unsere, das neu Entstandene, Fesselnde. Du maltest ihre Tiefe rot, alles was

Man ihr verordnete zu verstecken, sich zu schämen, in Totenstille zu versenken,

Nicht die Kleidung, nein die Haut, das Feuchte, Geöffnete, Weibliche, Ehrliche.

 

Das in den Gliedmaßen versammelte Blut, der Lebensentwurf, wir scheuten ihn alle.

Sie hat sich dir in ihrer Wesentlichkeit, Wahrhaftigkeit, entblößt und gezeigt. Du

Schautest mit einer unvergleichbaren Natürlichkeit zu. Ich atmete sie ein. Sie haben

Sich befreit diese Frauen in Mädchenkörpern, durch Hirn und Papier, Farbe und Stille.

Die geerbte Traurigkeit der Generationen wurde zur Leichtigkeit auf ihren Schultern.

Die Polsterlippen, betont und verzehrend, sich schüchtern annähernd an das Vergessene

Der Jahrhunderte. Deine Hände haben sich ihr geöffnet und sie hat zu sich selbst

Gefunden, ein männliches Urteil, in deinen Räumen, hat es nie gegeben.

 

Du hast die seelische Krankhaftigkeit der Gesellschaftstände an ihr widergespiegelt,

Die elend gefüllten Hosentaschen und Portemonnaies, die sie zu füttern scheinen,

Es reicht nie aus und sie geht an ihren Wünschen zugrunde. Sie leben sich an ihr, ja,

In ihr aus, das hast du verabscheut, die Unarten, das Verneinen, das Aussaugen, du

Hast es mit ihr rekonstruiert. Sie hat man eingetaucht in den Verfall, und du nahmst sie

Als Mensch wahr, mit Haut und Haar, betont durch die Missstände unserer Zeit, unseres

Frauenbildes. Krankhaft erotisch, so sah man deine Geistesblitze, gewaltsam und

Unerhört und widersetzend. Nirgends warst du freier als in deiner Leibestätigkeit,

Mein hochgeachteter Geliebter.

 

Ich trug dich in mir, ich verschlang dein Geschlecht, wir erwachten beide,

Nie haben wir mehr gelebt, in unseren Armen, unserer Menschlichkeit,

Der Geruch, vereint, ich schlummerte in deinen Achselhöhlen, du legtest dein

Ohr auf meinen Bauch, das Kind kam nie raus, zur Welt, ich starb und du drei Tage

Später, wie wild hast du mich noch gezeichnet, versucht unsere Leben zu erhalten,

Sie zurückzuergattern, mit Pinsel und Bleistift bis in die triefende Unterwelt

Unserer Familie hinein, doch kamst du selbst nicht mehr aus ihr heraus.

Egon_Schiele_016

Die Umarmung (Liebespaar II)” by Egon Schiele (1890-1918)

 

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