Die verschwundenen Gedanken einer Frau: Lydia Welti-Escher

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Du konntest mir keine Störung oder Krankheit

Aufbürden. In mir war alles kerngesund.

Du ließest mich vier Monate lang in der Psychiatrie in Rom einsperren,

War es nicht dein Ego das verwundet war, deine Habgier, dein Kontrollzwang?

 

Wolltest nicht zum Gespött gemacht werden,

Musstest zeigen, ich hab meine Frau auch in Italien im Griff

Und Erniedrigung und Bestrafung muss sein. Da kam ich nun zurück

Zu dir in die Schweiz als vollends emanzipiert im Herzen

 

Und konnte die Scheidung nicht erwarten. Ich, die Ehebrecherin,

Die Außereheliche, Außergesetzliche, Verdammte, ich bekam doch alles ab.

Lehn dich zurück. Man exkommunizierte mich, da gab es keinen Dialog, kein Interesse.

Die Liebe hat mich an den Rand der Gesellschaft geführt.

 

Da gab es nur einen Platz für Tugend, Scheinheiligkeit, Trug und Tadel.

Da entdeckte ich ganz plötzlich die engstirnigen und kleinkarierten Grenzen der

Weiß gekleideten Gesellschaft die stets Scharaden spielt und ihre Unschuld

Umher wedelt und sie jedem unter die Nase reibt obwohl sie am Faulen ist.

 

In ein Haus wurde ich verschanzt mit viel Geld, rausgeekelt aus dem Leben.

Nun zu dir, Karl, wir wurden einander entrissen.

Herzloser hätte man uns nicht trennen können.

Das richtete alles mit uns an.

 

Ich kannte die Liebe nicht und du hast sie mir gegeben,

Und ich konnte es selbst, habe das Lieben verspürt und erlernt,

Das Verlangen nach dir, da gab es für mich keine gesellschaftlichen Normen mehr,

Nur uns beide in Rom und was uns zusammenschweißt.

 

Das musste man uns wegnehmen.

Wie du mich porträtiert hast.

So mutterseelenallein, der Hinneigung auf der Spur,

So tratest du in mein Leben, mit Kunst und uralter Alchemie.

 

Man legte dir zur Last dass du mich entführt, ja vergewaltigt hast,

Man sperrte dich ein, nicht fern von mir.

Da unterschätzen sie uns beide und mich besonders,

Klingt doch besser so, nicht wahr?

 

Nein, Karl, wir wissen, wir beide, dass ich mich zutiefst nach dir sehnte

Und wir uns beide einer Hoffnung hingaben die durch unsere Körper

Besiegelt wurde. Ich bin als Frau zu dir gekommen und setzte meinen Willen

In die Praxis um. Soviel freiheitliches Denken mutete man mir nicht zu.

 

Die machten mich zum Körper, zum Geschlecht, zur Verführten, zur

Hauptfigur ihres Kasperltheaters. Sie pochten auf Beherrschung, das ich mich

Zu erniedrigen hätte, zu beugen hätte, den Formen und Zwängen gegenüber.

Meine Gedanken hat man verschwinden lassen, meine Korrespondenz.

 

Ach, was für eine Angst ihr habt.

Karl, dich hat es schwer erschüttert, nie mehr

Haben wir zueinander zurück gefunden,

Und haben trotzdem nie unsere Liebe verlernt und betrogen.

 

Hast dich einliefern lassen, hast versucht dir helfen zu lassen,

Du bist uns beiden zusammengebrochen, die Schusswunde hat das Leben nur

Verschlimmert. Hab ich meinen Mut verloren?

Ließ ich den auf der Strecke?

 

Du konntest nicht mehr arbeiten, littst unter Verfolgungswahn,

Wir beide trugen unsere gebrochenen Herzen in uns, die Seelen

Ineinander verflochten, unruhig, entschlossen, auswärts atmend.

Der Freitod fing mich ein und ich hab mich selbst vergast.

 

Dir, Karl, mein Geliebter, mein Mitleidender,

Auch dir hat der eigenwillige Tod es angetan,

Einen Monat später, hast du die Pillen geschluckt die zu mir führten.

Zu uns, in eine Sphäre wo uns keiner der Liebe wegen verfolgt.

Lydia_Welti

“Portrait Lydia Welti” by Karl Stauffer-Bern (1857-1891)

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